Energiekrise belastet EZB: Öl- und Gaspreise steigen weiter
Die Europäische Zentralbank (EZB) steht vor einer schwierigen Entscheidung: Die anhaltende Energiekrise, verschärft durch die Eskalation des Konflikts zwischen den USA und dem Iran, stellt eine erhebliche Herausforderung für die Geldpolitik dar. Während der Markt einen unveränderten Leitzins erwartet, wirft die anhaltend hohe Inflation, getrieben durch steigende Energiepreise, weiterhin Fragen auf.
Analysten erwarten keine Zinserhöhung – doch die Botschaft zählt
Experten von Ebury, einem globalen Fintech-Unternehmen, gehen davon aus, dass die EZB unter der Leitung von Christine Lagarde die Zinsen unverändert lassen wird. Allerdings wird die Kommunikation der Entscheidung entscheidend sein. „Die Schlüsselbotschaft der Sitzung wird sein, ob die EZB diese Erwartungen bestätigt“, so die Analysten. Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf dem Energiebereich: Während der Ölpreis um 30 Prozent gestiegen ist, verzeichnet der Gaspreis sogar einen Anstieg von 100 Prozent, der sich bei rund 60 Euro pro Megawattstunde bewegt.
Lagarde selbst signalisierte kürzlich, dass die Unsicherheit zurückgehe und Zinssenkungen unwahrscheinlich seien. Sie bezeichnete den „Desinflationsprozess“ als abgeschlossen. Die steigenden Energiepreise, insbesondere des Erdgas, belasten die europäische Wirtschaft stärker als der Ölpreis, was zusätzlichen Druck auf den Euro ausübt. Die Differenz zwischen den Zinsen in den USA und im Euroraum bleibt jedoch ein wichtiger Faktor für den Wechselkurs.

PIMCO rät zur Geduld und erwartet weitere Volatilität
Konstantin Veit, Portfoliomanager bei PIMCO, teilt diese Einschätzung und erwartet, dass der EZB-Rat den Leitzins auf 2,25 Prozent belässt – die zweite aufeinanderfolgende Sitzung ohne Zinsänderung. Angesichts der aktuellen Entwicklungen auf den Energiemärkten und des fehlenden neuerlicher Prognosen des EZB-Vorstands bis September, sei es wahrscheinlich, dass die Notenbank abwartet. Veit führt vier Faktoren an, die für eine vorsichtige Haltung sprechen: die zuvor gesunkenen Energiepreise, eine im Juni geringere als erwartete Inflation, ein „mit dem Inflationsziel vereinbarer“ Lohnwachstum und ein schwaches Wirtschaftswachstum. Er räumt jedoch ein, dass die Unsicherheit weiterhin hoch sei und eine weitere Zinserhöhung im September nicht ausgeschlossen werden kann.
Kevin Warsh, ein prominenter Wirtschaftsexperte, plant, bei der US-Notenbank (Fed) künftig Künstliche Intelligenz (KI) einzusetzen, um die Wirtschaft „in Echtzeit“ zu beobachten. PIMCO hält an seinem Basis-Szenario fest, das eine weitere Erhöhung im September vorsieht, wobei eine einstimmige Entscheidung erwartet wird.

Generali Investments warnt vor anhaltender Inflation
Vincent Chaigneau, Leiter der Analyse bei Generali Investments, erwartet zwar keine Katastrophe, sieht aber auch keine dauerhafte Beruhigung. „Wir prognostizieren neue geopolitische Spannungen, die jedoch nur moderate Auswirkungen auf die Weltwirtschaft haben werden“, so Chaigneau. Das Risiko liege eher im Hintergrund als in einem plötzlichen Schock. Er misstraut einzelnen positiven Monaten und warnt: „Ein einziger guter Monat macht noch keinen Sommer.“ Seine Empfehlung lautet, die Duration im Euro zu neutralisieren und eine kleine Short-Position in den USA zu halten.
Die Entwicklung im Nahen Osten, insbesondere die Eskalation zwischen den USA und dem Iran, wird weiterhin genau beobachtet. Solange der Konflikt die Energiemärkte nicht grundlegend verändert, wird die Aufmerksamkeit weiterhin auf die Geldpolitik und die makroökonomischen Daten gerichtet sein, die vor der EZB-Sitzung im September veröffentlicht werden.